Mein schwärzester Tag beim Jobcenter Berlin (21. Oktober 2006)

Vorgestern war für mich der schwärzeste Tag in meinem Leben bei einem Jobcenter, denn ich musste am selben Tag eine Eingliederungsvereinbarung unterschreiben, die im Grunde genommen gar keine ist.

Diese Vereinbarung umfasste, dass ich am 13. November 2006 nach Irland fliege, um mich dort per Kaltakquise um einen Arbeitsplatz zu kümmern. Es wurde mir sogar vorgeschrieben, dass ich mich um einen sozialversicherungspflichtigen Job kümmern müsste und hierüber bei Rückkehr noch eine Liste abgeben müsste, wo ich mich denn alles beworben hätte. Vorschrift? Erst bot mir meine Arbeitsvermittlerin die Mitnahme von ALG II für 2 Monate an. Allerdings ist dies eine Kann-Leistung. Da ich aber erklärte, ich würde im Falle dessen, dass ich fliege, nicht mehr nach Deutschland zurückkehren, verschob sie gleich die Daten auf Mitte November. Pustekuchen mit der Mitnahme von ALG II. Dann sollte ich Anfang Dezember unbedingt noch einmal beim Jobcenter in Berlin vorstellig werden? Warum eigentlich? Kopfschüttel! Beim Arbeitslosengeld I ist es nur üblich, erst dann nach 3 Monaten zurück zu kommen, wenn die Stellensuche im Ausland erfolglos war. Kommt man nach 3 Monaten nicht wieder, wird die Leistung automatisch eingestellt.

Aus 2 Monaten Mitnahme von ALGII wurde jetzt nur eine 3-wöchige Weiterzahlung von ALGII wegen Ortsabwesenheit. Nun stand noch in der Eingliederungsvereinbarung, dass ich spätestens am 13. November 2006 nach Irland fliege und dann würde am selben Tag die Zahlung von ALGII eingestellt werden - na wunderprächtig! Ironisch gemeint.

Meine Arbeitsvermittlerin kann noch nicht einmal rechnen: Nach eigener Preisrecherche kommen für eine einmonatige Übernachtung im preiswertesten "Bed and Breakfast" gut und gerne 1.500,- Euro zusammen!! Einen Monat muss man schon buchen, um nahezu sicher davon auszugehen, dass man in dieser Zeit bei irgendeiner Firma in Irland einen Arbeitsvertrag erhält. Dazu kommen noch die Flugkosten von ca. 150,- Euro. So - und nun kommt ihr - wovon soll ich eigentlich die ganzen Kosten tragen?

Ansich hätte meine Arbeitsvermittlerin auf ihrem Screen feststellen müssen, dass ich monatlich nur 345,- Euro an ALGII erhalte, denn ich habe, seit ich in Berlin verweile, keinen eigenen Wohnsitz und bin nirgendswo gemeldet. Die Gute meint wirklich, ich müsse mich nun absichtlich verschulden oder in Irland sogar unter Brücken nächtigen. Nein - sie kann wirklich nicht rechnen.

In so einem Fall ist die "Eingliederungsvereinbarung" von Inhalt her vollkommen nichtig und anfechtbar. Nun kann ich am kommenden Montag wieder zum Jobcenter gehen und die ganze Vereinbarung persönlich anfechten. Von 172,50 Euro (Zahlung für November) bekomme ich ja gerade mal meine Reisekosten nach Irland bezahlt und müsste dann faktisch von Luft leben.

Dies mag alles spaßig und ironisch vorkommen - ist es aber wahrlich nicht. Ich muss mich wirklich wundern, zu was die Fallmanager alles fähig sein. Sie rauben jemanden glatt die Lebensexistenz.

Die ganze Sitzung mit der Arbeitsvermittlerin wurde extrem hitzköpig. Mein Kopf wurde vor Ärger und Frust immer roter und dann schrie ich alles gegenüber den zwei anwesenden Frauen (die andere gab sich als meine Betreuerin aus - nanu???) heraus. Ich beschrieb, wie man mit den Menschen in der Sonnenalle 262 umgeht und was für ein "Hühnerstall" das Jobcenter dort sei! Die armen Menschen würden derart gegängelt und an die Wand gedrängt. Vielen unterstellt man gleich, sie seien arbeitsfaul und würden nichts gegen ihre Erwerbslosigkeit tun. Hier werden Eingliederungsvereinbarungen kopflos und willkürlich zusammenformuliert, die kaum oder gar nicht erfüllbar seien und die gar nicht dazu beitragen, die Menschen langfristig von der Zahlung von sozialen Transferleistungen zu befreien bzw. sie unabhängig von der Arbeitsagentur zu machen. Ich erzählte von dem zu erwartenden Bundesverfassungsgerichtsurteil aus Karlruhe zum Länderfinanzausgleich bzgl. Berlins 61 Milliarden Schulden und das bald alles nur noch schlimmer werden würde. Leute - ich schrie so laut, dass die Kollegen meiner Fallmanagerin ins Zimmer stürzten und danach fragten, ob sie den Wachschutz vorbei schicken sollten. Tja - die beiden Damen winkten ab. Nanu, hat es jetzt in den Gehirnen der beiden geklickt??

Das allerschärfste kommt ja noch - ich soll laut Aussage meiner Fallmanagerin alle Stellenausschreibungen und Bewerbungen, die in englischer Sprache verfasst sind, ins Deutsche übersetzen, sonst würde ich für diese jeweils keine 5,- Euro Erstattung erhalten. Kopfschüttel!! Das habe ich ja noch nie gebraucht, als ich Anträge auf Erstattung von Bewerbungskosten gestellt hatte. Außerdem, wenn ich so verfahren müsste, wäre ich den ganzen Tag nur noch am übersetzen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass meine Fallmanagerin noch nicht einmal in der Lage ist, Englisch zu verstehen. Bin ich etwa qualifizierter als sie???

Auf die Bitte hin, mir die Verwaltungsvorschriften zu nennen, dass ich jedes englische Dokument (Stellenausschreibung, Bewerbung) ins Deutsche übersetzen muss, bekam ich keine Antwort. Ist hier reine Willkür im Spiel??

Prof. Götz Werner (Geschäftsführer der DM-Märkte) meinte gestern beim Grundeinkommensvortrag in der Urania: "Wer die Freiheit will, muss verzichten." Ja - da kam mir ja der Gedanke, dass ich laut Eingliederungsvereinbarung jetzt auf die Zahlung von ALGII verzichtet habe. Lebe ich jetzt in Freiheit?

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